„Wenn du vom Anblick des Übels nicht mehr schockiert bist, dann wird das Übel weichen“, sagt in etwa ein chinesisches Sprichwort. Und tatsächlich sind chinesische Speisekarten in aller Regel übel anzusehen. Nicht nur, weil sie oft so speckig und verklebt sind. Wenn man kein Chinesisch kann, hilft einem die Karte oft nicht weiter. Viele Restaurants behelfen sich mit Fotospeisekarten für ausländische Gäste, doch man sollte den unscharfen Bildern nie trauen. Was auf den Tisch kommt, sieht meist völlig anders aus als das abgebildete Gericht – und glücklicherweise in der Regel besser.

Eine kleine Reihe von Restaurants in Peking führt inzwischen auch eine englische Speisekarten. Aber ob das wirklich besser ist als das Essen nach Bildern? Tatsächlich klingt es nicht wirklich appetitlich, was man da angeboten bekommt: „Hühnchen ohne Sexualleben“ lassen sich bestellen, „Lunge eines Ehepaars in Chilisauce“, „Tofu nach Art der pockennarbigen Alten“ oder sogar „Vögelnder Ochsenfrosch“. Es gibt Fälle, da haben sich Touristen nach solcher Lektüre entschieden, nur noch westlich zu essen, auch wenn das bedeutet, morgens, mittags und abends bei McDonald’s einzukehren. Das Pekinger Fremdenverkehrsamt hat nun eine Liste mit englischen Übersetzungen der bekanntesten chinesischen Speisen herausgegeben, die für den Westler kulinarisch korrekt sind. Schließlich sind die Chinesen auf nichts so stolz wie auf die eigene Küche und würden im nächsten Jahr gerne so vielen Olympia-Touristen wie möglich den Besuch der Fast-Food-Filialen madig machen.

Wie die seltsamen Übersetzungen überhaupt zustande kommen? Nehmen wir den Ochsenfrosch. Der wird im eigenen Saft geschmort serviert, Gan Buo sagt der Chinese zu der Machart, doch der Ausdruck steht eben auch für einen anderen Austausch von Körperflüssigkeiten. Bei der Suche nach einer Übersetzung im Internet taucht die Bedeutung „Geschmort“ für Gan Buo nur noch auf den Google-Seiten 80 ff. auf, wie man sich vorstellen kann.

Ein weiteres Beispiel: der pockennarbige Tofu: Jedes Kind in China kennt die Geschichte von der hässlichen Frau Chen, die als Erste draufgekommen sein soll, zartesten Tofu in einer scharfen Sauce und mit Schweinehack zu servieren – übrigens heute eines der berühmtesten Gerichte der scharfen Küche aus Sezchuan.

„Frühlingshühnchen“, „Carpaccio von der Schweinelunge mit Chili-Sauce“ und „Tofu in scharfer Sauce mit Schweinehack“ oder „Geschmorter Ochsenfrosch“ heißen die Gerichte nun korrekterweise auf der Liste der Fremdenverkehrsbehörde. So gut, so schlecht. Was der sprachlichen Säuberungsaktion nämlich auch zum Opfer zu fallen droht, ist die chinesische Vorliebe, Gerichten wunderbar bildhafte Titel zu geben; Bezeichnungen, die vermutlich schon über tausend Jahre alt sind; Namen, die allein schon reichen, um die große Esskultur im Reich der Mitte zu verdeutlichen.

„Tiger und Drachen“, ein Gericht der kantonesischen Küche aus Schlange und Katze ist so ein Beispiel, oder auch „Seidenregen und einsame Wolken“ – für eine Suppe mit dünnen Nudeln und weißen Pilzen. Eine Gemüsepfanne hat bei ihrer Erfindung gleich so geschmeckt, dass das Gericht den Ehrentitel „Buddha hüpft (vor Freude) über die Mauer“ bekommen hat.

Wie schnöde behilft sich dagegen Europa mit rein technischen Bezeichnungen seines Essens. Ich habe lange nachgedacht: Ausnahmen wie Saltimbocca (Springt in den Mund), das Berliner Eisbein oder Leipziger Allerlei bestätigen die Regel. Die deutschen Namen klingen ohnehin nicht appetitlich. Und ich frage mich, ob der Ruf der deutschen Küche von Anfang an bessere Startbedingungen gehabt hätte, wenn zum Beispiel irgendjemand draufgekommen wäre, Rostbratwürste mit Sauerkraut „Geliebte im Stroh“ zu nennen.

So aber müssen nun Chinesen, die zu Besuch in Deutschland sind, dem Übel weiter auf Karte und Teller ins Angesicht schauen. Apropos: Das habe ich auch getan – und an „Vögelndem Ochsenfrosch“ richtig Geschmack gefunden.