Es tickte die vergangenen Wochen auf dem Kühlschrank. Also nur, wenn ich das kleine Ding aufzog. Jedes Mal brauchte ich eine Weile, um mich dazu zu überwinden. Es gibt kein Küchengerät, zu dem ich eine so anstrengende Beziehung pflege wie zur Eieruhr.

Halt, Eieruhr ist der falsche Begriff. Es heißt jetzt Kurzzeitmesser, wie mich die Verkäuferin im Küchenstudio aufklärte, als sie mich zu einer ganzen Regalwand von kleinen Helferlein für die zeitlich exakte Zubereitung führte. Die Konstruktionen aus Glas, in denen der Sand von der oberen Kammer in die untere rieselt, sind heute längst aus den Sortimenten verschwunden. Dafür gibt es zum Beispiel kleine Plastikeier, die, mit ins brodelnde Wasser geworfen, nach sechs Minuten beginnen zu piepsen, bei der Extra-Ausführung für Spaghetti erklingt nach neun Minuten der „Gefangenenchor“ aus Verdis „Nabucco“. Wie zynisch. Ich habe mich dann für die billigste Variante entschieden. Ich wusste schon, warum.

Ja, warum überhaupt ein Kurzzeitmesser? Das liegt, meine ich, an dem gerade bei Männern oft zu beobachtenden Hang, in der Küche auf äußerste Präzision zu achten. So wie eine zufällige männliche Bekanntschaft neulich auf einem Empfang, noch dazu Ingenieur und den Worten nach leidenschaftlicher Koch. Er erzählte, er habe gerade einen Risotto-Kurs gemacht – und großes Lob kassiert, wie er Zwiebeln und Speck schneide. „Solch akkurate Würfel habe ich noch nicht gesehen“, habe der Kochlehrer gesagt.

Ich bin von solchen Akkuratheiten aber auch nicht frei. Irgendwo steckt in mir das Gen, das ein wachsweiches Frühstücksei verlangt, genau 6 Minuten, 25 Sekunden gekocht bzw. auf 68 Grad Celsius Kerntemperatur erhitzt, weil dann der Dotter stockt. Das Beispiel ist absichtlich gewählt. Weil sich der männliche Beherrschungsdrang über die Zutat in der Küche zuerst und am verbreitetsten am Frühstücksei manifestiert. Deswegen wurde das Ding früher Eieruhr genannt. Und dabei bleibt es, liebe Kurzzeitmesser-Verkäuferin. Punktum.

Doch wie unschön, wenn das Eigelb sich an solch minutiöse Regeln einfach nicht halten will. Passiert ja ständig. Oder die Kartoffelscheiben nicht parieren, auch wenn das Rezept für ein Blitz-Gratin vorschreibt, sie exakt fünf Minuten zu blanchieren, bevor sie unter einer Käsedecke für 20 Minuten in den Ofen kommen. Aber nach dem Klingeln ist die Geschichte immer noch nicht gar. Da kann man nur eins machen. In den „Gefangenenchor“ von Verdi einstimmen.

Die Eieruhr ist in Wahrheit eine tickende Bombe. Mit dem kleinen Teil unterwirft man sich der Ideologie, dass die Natur allein nach zeitlich-physikalischen Gesetzen beherrschbar ist, begibt sich mindestens in die Gefangenschaft von Packungsbeilagen und Rezepten. Übernimmt den Trugschluss, dass man besser kocht, wenn exakt geschnitten, genau gemessen, präzise die Zeit bestimmt wird und Hightech-Gerätschaften zum Einsatz kommen, die nicht nur die Arbeit erleichtern, sondern noch akkurater schneiden als der Ingenieur. Aber ob’s auch besser schmeckt?

Meine Alternative: Schön kochen. Öfter in den Topf gucken als ins Rezept. Und in der Küche bleiben. Wenn man zu jeder Zeit findet, dass die Geschichte auf dem Brett, im Topf oder im Ofen gut aussieht und sich appetitlich anfühlt, gerät das Essen meist okay.

Ich habe bis vor kurzem nach Zigarettenlängen Nudeln gemacht. Das ging so: Spaghetti ins Wasser, ein bisschen warten, bis der Topf wieder kocht, und dann gemütlich eine rauchen. Nach der Zigarette reicht es, einmal zu probieren, die Spaghetti sind schon fast al dente. Auch bei anderen Gerichten ist eine Zigarettenlänge ein tolles Zeitmaß. Etwa wenn man eine Crème brulée im Ofen karamellisieren will. Doch viele meiner Gäste wollen das Verfahren nicht mehr tolerieren. Zugegeben, auch das war ein Grund für die Eieruhr. Aber gestern sind mir die Nudeln verkocht. Das ist mir in all den Jahren mit meiner Fluppen-Stoppuhr nie passiert. Der Wecker ist im Müll gelandet. Ich muss wieder auf die innere Uhr setzen.