Auf einmal ist alles um mich stockrot. Ich stecke bis über die Ohren in flüssigem Karamell. Feucht, nicht unangenehm. Ich sehe in ein undurchdringliches Kirsch. Nicht so schwitzig gebärmutterwarm, zähe Kühle umhüllt mich. Wie Sommerregen nach der Sauna. Bewegen, ja, auch das geht. Nur, ich habe das Gefühl, jetzt wie eine Rosine im Pudding zu versinken. Und wo ist überhaupt oben?

Da beginnt der Albtraum in Kirschrot. Ich paddele, rudere, ich suche in meinem Brei nach irgendeinem Widerstand, ich japse, ich schlucke, ich schmecke eisige Süße, schmerzend jagt sie in den Kopf. Dann spüren meine Finger warme Luft. Ich rudere panisch, endlich bekomme ich Halt, ziehe mich mit letzter Kraft aus dem an mir zerrenden Kirschbananenmus heraus, stütze mich mit den Armen auf den Flaschenhals und hole erst mal Luft. Ich bin beinah in einem Smoothie versunken wie die Made in einer Pulle Meskal …

Bis zum Morgen habe ich wach gelegen. Der Horror war zu groß. Eine Nahtoderfahrung mit Flüssigobst reicht pro Nacht. Aber die Erinnerung kehrt wieder. Ich muss nur in den Supermarkt gehen, in die Dönerbude am U-Bahn-Eingang oder das Mutter-Kind-Café ein paar Straßen weiter. Die Drinks, die pro Viertelliter mindestens drei Euro kosten, stehen überall. Ständig werde ich auf den Etiketten geduzt. Gierig schauen mich die Smoothie-Fläschchen zu Hunderten aus den Kühlregalen an. Schlürf mich, ich will dich einsüßen, dir die Kehle verkleben!, schreien sie. In der Fußgängerzone haben sie neulich solche Fläschchen sogar gratis verteilt. Das war endgültig zu viel, da bin ich weggerannt – und habe anschließend schlimm geträumt.

Der Albtraum lässt sich in Zahlen ausdrücken: 2006 tranken die Deutschen im Jahr noch vier Millionen Liter Trinkobst, 2007 waren es schon 16 Millionen. Das hat das Marktforschungsunternehmen ACNielsen ausgerechnet. Eine Steigerung um 400 Prozent. Die Briten trinken bereits mehr als doppelt so viel von dem Flüssigobst als die Deutschen. Dort sind Smoothies erst vor ein paar Tagen in den amtlichen Warenkorb der Statistiker aufgenommen worden. Nicht wenige Marktbeobachter sagen, der Siegeszug des Smoothies sei triumphaler als die Renaissance des Kaffees im Zuge von Starbucks und Co.

Aber das Zeug soll ja gesund sein. „100 Prozent Frucht“ oder „Die tägliche Portion Obst“. So steht es auf den Fläschchen. Nur Frucht soll drin sein, alles außer Kernen und Schale. Wer’s glaubt. Eine genaue lebensmittelrechtliche Definition, was in einem Smoothie enthalten sein darf, fehlt. Selbst wenn die volle Packung Vitamine drinsteckte – die Drinks sind richtige Zucker- und Kalorienbomben. Sagt die Ernährungswissenschaft. Eine Flasche Cola ist dagegen ein Diätgetränk. Pappsüß und angeblich gesund, ich glaube aber, die neue Liebe zum Schlürfobst hat noch einen ganz anderen Grund.

Wenn ich die Smoothies sehe, muss ich immer an „Männer“ denken, den alten Film von Dorris Dörrie. Da gibt es in der WG von Uwe Ochsenknecht eine Mitbewohnerin, sie heißt Angelika und löffelt ständig Babybrei, um sich mit der Welt im Allgemeinen und dem Macho Heiner Lauterbach im Besonderen auf dem Hochbett zu versöhnen. 1985, als der Film rauskam, wurden an den Hipp- und Alete-Regalen in den Drogeriemärkten auf einmal vermehrt Teenager gesichtet. Ja, ich war auch dabei. Ja, ich habe damals auch das ein oder andere Glas Apfel-Banane oder Rote-Bete-Karotte verdrückt. Sogar der Hausmeister bei uns auf dem Gymnasium hatte in seinem Kiosk Produkte mit der Bezeichnung „Nach dem 4. Monat“ im Angebot. Die älteren Schüler waren seine besten Kunden. Der Trend zum Brei ist also alt, aber er nimmt zu. Risotto, Nudeln, Eintöpfe, Puddings und auch Smoothies sind alles Speisen, die man kaum kauen muss. Die sich schlabbern, schlürfen, lutschen lassen. Menschen versetzen sich in ihre frühe, zahnlose Kindheit zurück, wenn sie so essen, sagen Psychologen. Ich habe mich nach meinem Smoothie-Traum an eine andere Kindheitsgeschichte erinnert und einen Apfel gekauft – um mal kraftvoll zuzubeißen.