Neuerdings sehe ich mir, wenn ich irgendwo zu Besuch bin, immer die Kaffeebecher in der Küche an. Meist eröffnet sich anhand der Formen und Logos auf der Keramik nicht nur ein ganzer Schwung bislang ungeahnter Gesprächsthemen. Sondern auch die kleinen Geheimnisse eines Menschen. Mehr als die Persönlichkeit eines Einzelnen spiegelt sich in der Tassensammlung aber die einer Gruppe, die knifflige Zusammensetzung des Haushalts, einer Familie oder einer Wohngemeinschaft.

In der Regel haben die Becher aus Zufall auf dem Regalbrett Platz gefunden, gewissermaßen als Strandgut vergangener Zeiten. Als Reisemitbringsel, Spontankäufe oder genierliche Geschenke aus dem Bekanntenkreis. Die Kollegin Julia Langbein, die im US-Gastro-Journal Gourmet eine ganz hinreißend boshafte Kolumne schreibt, hat aus ihren Beobachtungen schon eine richtige Steingut-Soziologie abgeleitet – ganz nach dem Motto: Zeig mir dein Geschirrregal und ich sag dir, wer du bist. Im Englischen existiert die Redewendung nicht, im Deutschen aber schon. Sie stimmt nicht: Nicht der oder die, niemand hat alle Tassen am Schrank.

Neulich sah ich in einem Zwei-Personen-Haushalt folgende drei Gefäße: Ein geringelter Becher des ZDF-Morgenmagazins, eine Tasse mit dem Gasometer Oberhausen drauf und ein rotes Exemplar mit der Aufschrift „Mein Becher“. Kombiniere: Zum Konservatismus neigendes Pärchen mit Wurzeln in NRW, trotz Trauschein aber mit geteilten Kassen. Hauptgesprächsthema des Abends waren dann Performance und Sympathiewert von Moderatoren, vor allem der öffentlich-rechtlichen Sender, von Marietta Slomka bis Carmen Miosga mit besonderem Gewicht auf dem Frühstücksdirektor Cherno Jobatey („Auf einmal so seriös – und Gott sei Dank hat er abgenommen.“)

Die sich abwechselnden Logos von Hausbrandt, Pascucci und Molinari auf dem Stapel von Cappuccino-Tassen sind dagegen einigermaßen öde. Außer natürlich, Sie sind auch ein Koffeinist, wissen, was ein Arabica-Anteil ist und können sich stundenlang über Geschmacksnoten, Körper und Abgang eines Espresso unterhalten.

Was passt in der folgenden Kombination am wenigsten? Ein Becher namens „It-Girl“, ein Exemplar mit der Aufschrift „Heißgetränk“. Dann ein Kaffeehaferl von der Spielvereinigung Unterhaching in der Nähe von München und eins mit einem Gorilla, drunter steht „The Bronx Zoo“. Roy, der sich tatsächlich von jedem seiner Mitbewohner beim Auszug einen Becher für seine Keramiksammlung erbittet, erzählte, die Heißgetränk-Inhaberin sei damals schon nach einem halben Jahr wieder ausgezogen.

Es gibt natürlich Haushalte, in denen man mit der Bechermetrie nicht weit kommt. Lauter Ikeatassen, darunter vielleicht einige Starbucks-Isolieredelstahlbecher, das reizt höchstens zu Fantasien über Möchtegern-Stadtnomaden, vor allem, wenn diese Tassen in der 20-Quadratmeter-Küche von Matthias auftauchen, die nach seinen eigenen Plänen eingebaut worden ist. Dann werden die Einzelstücke inmitten der uniformierten Steingutsammlung umso wichtiger, auch wenn es auffällt, dass der Gast, also in diesem Fall ich, etwas länger und detektivisch den Inhalt des Regals untersucht.

Meine Funde: Eine „I love Knut“-Tasse und ein schwarzer Humpen mit dem Aufdruck AC/DC. Kombiniere: Es gibt hier Jugendliche, der Sohn ist sechs, die Tochter vierzehn Jahre alt. Ich lag falsch. Es stellte sich heraus, der Becher ist ein echtes Souvenir. Es erinnerte Matthias an das Monsters-of Rock-Festival in Nürnberg. „1984 war das, das erste Konzert meines Lebens. Und meine letzte große Schlammschlacht vor einer Bühne.“ Platten von AC/DC hat Matthias aber heute keine mehr, auch nicht das legendäre „Back in Black“-Album. Nur noch den alten Becher. Schon seltsam, sagte er.

Ach so, sein Sohn Paul ist tatsächlich sechs. In der Spülmaschine fand sich deshalb auch der Becher mit dem Kopf eines „Tritop …“ – „Triceratops“, korrigierte Paul – „… maximus“, setzte Matthias fort. Es ist sein aktueller Lieblingsbecher. Also Pauls.