Die Deutschen und das Frühstück, das ist doch ein selten tiefgehendes Verhältnis. Ich habe das eben wieder feststellen können, auf einem Gangplatz im Urlaubsflieger während des Anflugs von Madeira auf Berlin. Und zugleich in einem Flugzeug, in dem der Pilot, was mir inzwischen ganz unvertraut geworden ist, nach der Landung von den ganzen billigen Plätzen beklatscht wird. Was ich damit meine: Gibt es irgendeinen besseren Ort, um klarer in die Seele von Otto Normaldeutschem zu sehen, als in Reihe 14 einer Chartermaschine, wo auf halber Strecke Hühnerfrikassee serviert wird? Eben! Und da macht man sich eben so seine Gedanken, wenn in Reihe 13, 15 und 16 das Gespräch immer wieder auf das Frühstücksbuffet in der Fremde kommt: „Ganz anständiges Schwarzbrot.“ – „Also der Schinken: einwandfrei.“ – „Und richtiger Bohnenkaffee. Das muss man schon sagen.“

Also ich kann nur sagen: Ich gehöre nicht zu diesem Menschenschlag. Ich bin an einem anderen Ort erst so richtig angekommen, wenn ich das dortige Frühstück vor mir stehen habe: Granita al Café und ein Cornetto auf Sizilien, also wie Meersalz glitzernd aufgehäufte Kristalle von gefrorenem Kaffee und dazu ein Hörnchen. Oder Congee in Peking, ein Reisbrei, der vor allem zusammen mit Tausendjährigen Eiern richtig wach macht. Ich vertrage auch schon sehr früh am Morgen Weißwürste mit einer Butterbrezn, wie man in München sagt.

Aber gewöhnlich ist das nicht. Der Deutsche möchte, wenn er verreist, lange, sich am besten durchbiegende Tische mit allen Variationsmöglichkeiten präsentiert bekommen. Schließlich war das Hotel in jedem Fall teuer genug. Ich stand in diesem Urlaub auch vor so einem Buffet und dachte mir einmal mehr, ob sich nur mir diese Fragen stellen. Erstens: Wer soll das alles essen? Und zweitens: Was soll ich jetzt davon essen? Muss man denn gleich mit der Qual der Wahl in den Tag starten?

Ich bin bei der Recherche nach den deutschen Frühstücksgewohnheiten auf die sehr lesenswerte, kürzlich erschienene „Kulturgeschichte der deutschen Küche“ von Peter Peter gestoßen und mit einer bemerkenswerten These bekannt gemacht worden. „Frühstücken wie ein Kaiser, Mittagessen wie ein König, Abendessen wie ein Bettelmann“ – diese seit Jahrhunderten im ganzen deutschsprachigen Raum noch immer praktizierte Faustregel für die tägliche Nahrungsaufnahme ist, auch wenn das Sprichwort in Vergessenheit geraten ist, so der Autor, evangelisches Erbe.

Während im Katholizismus über Jahrhunderte das Gebot galt, nüchtern zum Gottesdienst zu erscheinen, verlangte das protestantische Arbeitsethos ein nahrhaftes Frühstück, um gut gestählt ans Werk zu gehen. Ich finde, eine bestechende Erklärung, warum Italien noch immer für seine spartanischen Essgewohnheiten am Morgen (meist nur ein Espresso) bekannt ist, in Großbritannien dagegen ein Frühstück serviert wird, das gleich für mehrere Tage satt macht. Nur angesichts dieser überbordenden Frühstücksbuffets in von Deutschen frequentierten Hotels, die vor allem an Wirtschaftswunderzeiten erinnern oder volle Ramschkisten im Winterschlussverkauf, da kommt einem das lutherische Üppigkeitsgebot reichlich pervertiert vor. Ich habe neulich in einem Hotel die Gäste beobachtet, als es galt, mit einem morgendlichen Angebot zurecht zu kommen, das man nur so bezeichnen konnte: Es war die Mutter des Frühstücksbuffets. Da gab es zehn Sorten Brot, Kuchen, vielerlei Croissants und anderes Plundergebäck, mehrere Arten von Butter, Marmeladen, Wurst, Käse, Eier in praktisch jedem Aggregatzustand, Suppen und Obst, Salate, Milchreis, Bratwürstchen und sogar Sushi. Nur leider keine Weißwürste, obwohl ich mich südlich der Donau befand.

Welch Ahs und Ohs, wenn die Leute den Frühstückssaal betraten. Aber dann bemerkte ich, dass vor allem ein Tisch von überall her frequentiert wurde. Das war der mit den ganzen Gläsern voll Leinsamen und Müsli. Das ist also das geheime neue protestantische Arbeitsethos: Will man ein anständiges Frühstücksbuffet bezwingen, muss vor allem einer leistungsstark sein: der deutsche Darm.