Ich muss mir eine neue Packung Aids-Handschuhe bestellen, Größe L, puderfrei, am besten gleich einen Hunderter-Pack. Das hält dann wieder knapp ein Jahr. Hautenge Latex-Handschuhe sind so was von praktisch, etwa wenn ich Chilis putze und schneide. Denn ich habe es gern, wenn mir vor Schärfe im Rachen die Tränen kommen, weniger, weil ich mir vor dem Essen unbedacht die Augen gerieben habe.

Klar, auch beim Abwasch können Einmal-Handschuhe nützlich sein, ich streife sie zur Zeit aber über, wenn ich Rote Bete verarbeite. Ich will deren Farbe im Essen haben und nicht auf meinem Körper. Obwohl man sich komischer Blicke sicher sein kann, wenn man mit tiefdunkle Handflächen zur Arbeit erscheint, so als hätte man eben ein Wahllokal in Afghanistan verlassen und zu viel Tinte erwischt.

Ich erzähle das mit den Handschuhen, weil ich absolut sicher bin, dass die Färbekraft der Roten Bete der Grund ist, warum wir dieses Gemüse nur als geriffelte Scheiben kennen, die in Bonduelle-Gläsern wachsen. Oder vielleicht noch in Streifen geschnitten und gemeinsam mit eingelegten Karotten-, Sellerie- und Weißkrautschnitzeln auf ein Endivienblatt gepatscht, was in Gasthäusern von der Art „Deutsches Eck“ bis heute als „Gemischter Salat“ firmiert. Auf meiner persönlichen Speisekarte heißt dieses Gericht dagegen seit langem „Salat aus dem Eimer“.

Rote Bete war für mich deswegen Letztbegründung eines Naturgesetzes, das mir schon aufgegangen war, kaum dass ich laufen gelernt hatte: „Gesund schmeckt nicht.“ Und dieses Gemüse, eine Abart der Runkelrübe, ist ja so gesund; Es hat nicht nur einen hohen Eisen- und Vitaminanteil, für die Farbe sind massenhaft Betzyane verantwortlich. Das sind – jetzt kommt das magische Wort – natürliche Antioxidanzien, sie schützen die Zellen, sind sogar krebshemmend.

Trotzdem kann Rote Bete ziemlich lecker sein. Man sollte sie nicht nur in den Entsafter stecken, ihren Geschmack mit Blutorange, Apfel und Sellerie übertünchen, wie an den vielen Saftbars, die Cocktails mit Rote Bete als Abwehrdrinks gegen die Schweinegrippe anbieten. Ziehen Sie einfach nur Handschuhe an!

Klassische Gerichte, die nicht ohne die Rüben auskommen, sind Labskaus und Borschtsch. Bei letzterem bin ich auf den Geschmack gekommen. Nicht als fetter, erdiger Eintopf, sondern als elegante Suppe mit saurer Sahne und Dill, die mir in Erinnerung ruft, wie ich als Kind mal vom Sand auf dem Spielplatz gekostet habe.

Seitdem verwende ich Rote Bete immer mehr, auch weil mir die Farbe Spaß macht, etwa im Risotto. Mit etwas frischem Thymian und Ziegenfrischkäse wird das ein Gedicht. Bröckeln Sie den Käse kurz vor dem Servieren über das Gericht, so dass er etwas anschmelzen kann.

Für Überraschungseffekte sind die roten Knollen gut. Ich häcksele sie roh mit etwas frischem Meerrettich, gebe süßen Senf und Essig dazu und lasse das Ganze eine Stunde marinieren. Einen Klecks davon vorsichtig in eine passierte Kartoffelsuppe geben. Wie banal, denken die Gäste, wenn die Teller serviert werden. Aber schon beim ersten Löffel gibt es ein großes Hallo, wenn sich die ersten rosa Schlieren durch die Suppe ziehen.

Man kann rote Bete auch einfach mit anderem Herbstgemüse (Pastinaken, Petersilienwurzeln und Steckrüben) zum Lammbraten servieren. Das Röstgemüse schmeckt am Ende fast besser als das Fleisch. Ich mag die Bete inzwischen so sehr, dass ich auch nach der etwas milderen gelben und weißen Bete Ausschau halte und der Chiogga, einer edlen, weißrot gemaserten Rübe. Auf englischen Märkten habe ich sie schon oft gesehen, aber hierzulande? Ist das Bonduelle-Zeitalter immer noch nicht ganz vorbei.