„Hallo, ich habe dich was gefragt!“ Dieser Satz klingt mir seit gefühlten fünf Minuten in den Ohren, aber ich kann jetzt nicht aufschauen. Ich habe eine Idee, wie ich noch eine interessante Kümmelnote an den Wirsing­salat bringen kann. Alufolie raus, Kümmelsamen eingepackt, die improvisierte Pfanne auf den heißen Herd, sofort ploppt und zischt es in der Packung. Schnell den Mörser raus und die gerösteten Samen unter den Stößel. Was für ein Aroma, nicht beißend, sondern süßlich, erfüllt die Küche. Jetzt kann ich hochsehen. Was war noch mal die Frage? Aber die Küche ist leer, nur der Kater sieht mich mit großen Augen an. Ich weiß nicht, ist eben nicht auch eine Tür krachend ins Schloss gefallen?

Bei mir zuhause wird im Wohnzimmer gewohnt, aber in der Küche gelebt. Ich habe eine große Küche, hier lese ich, hier schreibe ich, hier habe ich Gäste, hier verbringe ich meine Freizeit. Und das wird zu einem Problem, wenn ich koche. Dann wird diese Küche, egal, wer sich noch dort aufhält, zu meinem Labor. Und ich verfalle in Schweigen.

Erst dann wird Kochen für mich zum Kochen. Ich probiere, ich teste, ich protokolliere, ich versuche, eine bestimmte Geschmackserinnerung wieder zu finden oder mir eine neue zu schenken. Dafür muss ich in einen anderen Betriebsmodus. Hier gibt es nur noch eine Kommunikation: Die zwischen mir und den Zutaten. Ich höre auf den Klang der unter dem Messer knackenden Karotten, ich lausche dem Zischen des Risottos auf dem Herd hinter mir, das gerade leicht im Topf anzuliegen beginnt. Beim Kneten will ich, dass mir der warme Duft von Hefe in die Nase steigt. Und beim Zwiebelschneiden, dass mir die Augen jucken; aber nur ein bisschen. Worte kommen mir dann nicht auf die Zunge, die brauche ich zum Abschmecken.

Kein Multi-Tasking

Nein, menschliche Kommunikation fällt mir in der Küche schwer. Ich bin kein Multi-Tasker, welcher Mann ist das schon? Männer in der Küche werden, wenn sie reden müssen, zu Rohlingen. Es ist kein Klischee: Die allgemeine Küchensprache der Profis besteht aus Beleidigungen, Flüchen und wüsten Beschimpfungen. Man redet nur, wenn was schiefgeht. Und in Küchen geht immer was schief. Auch mir kann nach Stunden der Wortlosigkeit, kurz bevor ich ein Menü serviere und auf dem Herd kein Platz mehr ist vor brodelnden Töpfen, bisweilen ein lauter Fluch entfahren. Und immer wünsche ich mir, dass das neue Gericht, das gleich auf den Tisch kommt, ein bisschen entschädigt für das asoziale Wesen, das ich mir für die letzten ein zwei Stunden geleistet habe.

Aber ich weiß, ich bin nicht allein. Gemeinsam zu kochen und dabei zu reden, stellt so viele Menschen vor ernsthafte Probleme, dass sich Kommunikations- und Personaltrainer die Küche als Ort aussuchen, um Teambuilding zu betreiben. Früher suchte eine Firmen-Abteilung gemeinsam positiven Stress beim Bungee-Jumping oder im Klettergarten, heute findet sie ihn an der Nudelmaschine oder beim Fisch filettieren. Ich nehme an solchen Veranstaltungen bisweilen teil, um zu assistieren, um zu zeigen, wie man ein Messer am Fisch ansetzt. Um einzugreifen, wenn das Geschehen am Herd eskaliert. Denn wer gemeinsam kocht, muss sich in Minuten zusammenfinden, schnell und genau kommunizieren, sonst bewahrheitet sich wieder, dass viele Köche den Brei verderben. Das ist ein Vorteil solcher Events. Und ein anderer ist, dass sich am Herd die Rollen neu verteilen.

Eine Situation erlebe ich da immer wieder: Nämlich Chefs, die sich in Fachsimpeleien verstricken, welcher Rotwein zu dem Braten passt, der noch immer nicht im Rohr liegt. Und eine Assistentin, die ihnen fröhlich zuruft: „Nicht reden, machen!“