Welches Bild haben Sie im Kopf, wenn Sie an Spätsommer denken? Sich schon leicht verfärbendes Laub? Abgeerntete Felder? Der erste Bodennebel? Natürlich. Daran denkt man gemeinhin. Ich habe aber ein anderes Bild vor Augen, und ich glaube, jeder kann mir zustimmen: Das ist der Spätsommer.

Ich denke nämlich an Wespen, an ziemlich viele davon, eine ganze Menge dieser Insekten mit ihren schwarz-gelben Leibern, die in einer Konditoreiauslage über Bienenstich und Plunder, über Quarktaschen und Butterkuchen krabbeln. Es hängen schon kleine Zuckerklümpchen an ihren Beinen, und alle, so scheint es, haben nur ein Ziel in ihren großen Facettenaugen: den Pflaumenkuchen, auf dem sich schon die meisten ihrer Artgenossen tummeln. Und ich denke an die Bäckersfrau, die ihre Hand seelenruhig in die Auslage steckt, als ob dort kein einziger Stachel auf sie warten würde. Die noch einmal sanft über die Kuchenstücke bläst, bevor sie sie in die Papiertüte steckt, um ja keine Wespe zu verpacken.

Das ist mein Spätsommerbild: Wespen auf Zwetschgendatschi. Die Szene ist schon einige Jahre her, und eingeprägt hat sie sich mir, weil eine lange Schlange von Kunden in der Bäckerei stand, die ein paar Schritte Sicherheitsabstand zu der Kuchenvitrine hielt. Aber niemand ließ sich von der Wespenmeute abhalten, Zwetschgendatschi zu kaufen. Die Verkäuferin, der die Insekten auch auf Armen und Schulter saßen, kam mir vor wie eine Raubtierbändigerin. Bis heute halte ich, bevor ich in ein Stück Pflaumenkuchen esse, Ausschau nach ein paar gelb-schwarzen Biestern. Der kleine Grusel steigert den Genuss.

Und wenn so ein Blechkuchen richtig gut und mit den besten Früchten aus dem Garten belegt ist, dann passt dazu eigentlich keine bessere Bezeichnung als eben das bayerische Zwetschgendatschi. Warum? Weil Zwetschgen anders als ihre Schwestern, die runden Pflaumen, ein festeres Fruchtfleisch haben und im Ofen nicht gleich zerfließen. Deshalb eignen sie sich besser für Kuchen. Sie safteln trotzdem ziemlich, da kann man tun, was man will. Und ein Hefeteig hat die Eigenschaft, dieses klebrige Fruchtwasser in sich einzusaugen wie ein Verdurstender. Er ist dann nicht mehr luftig und kross, sondern feucht und etwas gummiartig. Eben datschig, wie man in Süddeutschland sagt. Die Empfehlung, diesen Begriff mit „matschig“ ins Hochdeutsche zu übersetzen, befolge ich nicht. Denn datschig ist köstlich, matschig aber das Gegenteil.

Zwetschgen sind überhaupt der Geschmack des Spätsommers. Genauso wie die feinen Mirabellen und Reineclauden, die ich immer öfter sehe. Wie eine Wespe lasse ich mich von jeder Obststeige ablenken. Und ich überlege, was ich damit mache. Die Insekten legen jetzt ihren Zuckervorrat an. Ich konserviere die Erinnerung an die warmen Tage für den Winter. Im Kellerregal stapeln sich schon die Gläser mit Marmelade. Sie schimmern in einem lichten Rot wie ein guter Spätburgunder im Weinglas. Ich koche die Konfitüre nur so kurz und mit so wenig Zucker wie möglich (am besten 3:1-Gelierzucker), es kommen nur eine kleine Prise Zimt und eine Nelke auf ein Kilo Obst. Die Marmelade bleibt fruchtig, die Gewürze geben aber schon einen kleinen, wärmenden Vorgeschmack auf den Winter.

Ja, wenn es Pflaumen gibt, dann können die kalten Tage kommen. Wenn die Vorräte aufgefüllt sind, habe ich von den Früchten nämlich immer noch nicht genug. Sie sind der hervorragende Begleiter zu Mehlspeisen und warmen Desserts: als Zwetschgenröster zu Kaiserschmarrn oder Armen Rittern, im Pflaumencrumble oder als Füllung in dampfenden Rohrnudeln. Für den Genuss darf es schnell Herbst werden.

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