Kaum dass die ersten warmen Abende heraufziehen, kann man es schon an allen Ecken wieder riechen, in den Parks, von Balkonen oder durch dichte Hecken im Schrebergarten: glimmende Kohle, verbranntes Fett, verdampftes Löschbier. Aber so ist das im Frühling. Er weckt eine unbändige Lust, nacktes Fleisch in die Wärme zu halten, nicht nur das eigene.

kirschblütenIch habe überhaupt nichts dagegen. Ich wundere mich nur, welch Aufwand da oft betrieben wird. Muss es denn immer Grillen sein? Vergleichen wir es mit dem Camping: Ein Barbecue kommt mir da oft vor wie eine Reise mit dem Wohnmobil. An was muss man nicht alles denken: An den Grill, die Kohle, den Anzünder. Ist der Rost sauber? Was nimmt man als Blasebalg, um die Glut anzufachen? Teller, Besteck, Grillsoßen – all das will bedacht sein. Wie einfach ist es dagegen, ein kleines Picknick zu organisieren. Das ist wie eine Wandertour, auf der man nur den Schlafsack dabei hat. Denn für ein Picknick braucht man fast gar nichts: sein Essen, eine Decke und ein Taschenmesser.

Picknick ist für mich das wirkliche Essen im Freien. Eines, bei dem es ganz anders schmeckt. Und oft viel besser. Ich erlebe das immer wieder. Ein Apfel, eine Tomate, eine kleine Salami und frisches Brot: Was einem beim Abendbrot am Tisch gewöhnlich und vielleicht auch ein wenig ärmlich vorkommt, wird zum Festmahl, wenn es unter dem freien Himmel genossen wird, bei herrlichem Ausblick, auch wenn sich die Kante eines Feldsteins in den Hintern bohrt oder schon die Ameisen beginnen, ihre Autobahnen auf der Picknick-Decke anzulegen.

Picknick bedeutet Freiheit, nicht nur im Freien essen. Zwar haben die Menschen das schon immer getan, aber Picknick ist doch mehr: Man verlässt den Esstisch zuhause mit den angestammten Sitzplätzen und sucht sich eine eigene Tafel unter Bäumen, jede Sitte lächerlich wird – und niemand was dagegen hat, wenn sich der Gegenübe genüsslich die Finger ableckt.

Man muss sich das Picknick, als es erfunden wurde, als kleinen Ausbruch von der Bürgerlichkeit vorstellen, als Mini-Rebellion. Wann genau das passierte, ist nicht mehr zu sagen. Sowohl Engländer wie Franzosen beanspruchen die Urheberschaft. Nach der französischen Theorie setzt sich das Wort pique-nique aus den Vokabeln piquer (stechen oder stehlen) und nique (veraltet: Kleinigkeit) zusammen. Die erste schriftliche Erwähnung findet sich in dem Roman „Les Caractères“ des französischen Schriftstellers Jean de La Bruyère, das 1688 erschien. Allerdings wird damit beschrieben, wie der Protagonist sich von dem Essen, das seine Gäste mitbringen, einen Teil für sich beiseite legt.

Lange bezeichnete pique-nique eine Mahlzeit, zu dem jeder etwas beisteuerte und die nicht zwingend draußen stattfand. So erläutern es auch Jacob und Wilhelm Grimm 1889 in ihrem Deutsche Wörterbuch. Im französischen Sprachgebrauch haftete dem Wort lange etwas Verwerfliches an. Der „Almanach des Gourmands“ von 1806 bezeichnet es als Zusammenkunft einer beschränkten Anzahl von Männern und gleich vielen Frauen. Bei der Beschreibung wird deutlich, dass es nicht um das Essen allein ging.

Die Engländer haben ihre eigene Theorie entwickelt. Das Wort komme von von pick, greifen, und nick, einem alten Begriff für den Augenblick, sagen sie. Wie auch immer. So fern von der französischen Definition liegt das nicht. Viel wichtiger: Sie waren es, die für die frische Luft sorgten. Bis heute machen sie es der wohl begeisterten Picknickerin der Geschichte nach, Königin Viktoria, die häufig im Freien speiste. Ein Engländer lässt sich von keiner noch so dunklen Regenwand davon abhalten, in der freien Natur die Sandwichs auszupacken und die Thermoskanne mit Tee aufzuschrauben. Ich weiß auch warum. Das labberigste Sandwich schmeckt auf einmal wie großes Kino.