Jetzt also hässliches Gemüse. Man darf sich darüber freuen, 40 Prozent der Ernte sind im Obst- und Gemüsebau Ausschuss, weil verwachsen, krumm und schief, nicht ansehnlich genug. Bisher fast unverkäuflich. Landwirte pflügen die mangelhafte Ernte wieder unter, verkaufen sie an die Saftindustrie oder verarbeiten sie zu Tierfutter. Dieses Gemüse soll nun in Supermärkten eine Exotennische bekommen. Das sei eine „Herzensangelegenheit“ heißt es bei Edeka, ganz entsprechend dem Motto „Wir lieben Lebensmittel“. Vor allem ist es aber eine gute Geschäftsidee. Gemüse, das bisher wegen seines Wildwuches gar keinen Weg auf den Markt fand, nun genau deswegen ein bisschen teurer zu verkaufen als Einheitsgemüse: Die Überlegung verspricht Gewinn. Für Landwirte wie den Handel. Wenn der Verbraucher mitmacht.

Und dafür spricht viel. Die Abschaffung der europäischen Krümmungsnorm für Salatgurken hat nicht geholfen, die Skepsis gegenüber Obst und Gemüse zu verringern. Im Gegenteil. Tomaten, die sich Wochen im Kühlschrank halten, Paprika, die auf Steinwolle wächst, Mangos, Bananen, Ananas, die grün geerntet werden und bei der Fahrt übers Meer in Spezialcontainern ausreifen müssen: All das hat den allgemeinen Verdacht der „Unnatürlichkeit“ verstärkt.

Wenn man sich ansieht, wie Obst und Gemüse im Supermarkt ausgestellt sind, gleich am Eingang und meist in einer holzverschalten Umgebung, die Markthallen-Ambiente ausstrahlt, kann man sich vorstellen, wie wichtig das vegetarische Angebot für den Einzelhandel ist. Es hat Leuchtturmfunktion. Der Kunde soll auf den ersten Metern gesund einkaufen und möglichst natürlich, nur um dahinter umso mehr zu sündigen. Lässt ihn aber schon Obst und Gemüse vorsichtig werden, dann wird er noch weiteren Abstand zur Fleischtheke halten.

War aber je natürlich, was in den Obst- und Gemüsekisten lag? Die Frage muss gestellt werden, Authentizität hat sich im Lebensmittelbereich zum Verkaufsargument schlechthin gemausert. Alte Mühlen auf eingeschweißter Wurst, das Stichwort „regional“ allerorten, die Werbung mit dem „traditionellen Rezept“, jetzt das verwachsene Gemüse: Alles ist recht, an eine gute alte Zeit der Unverfälschtheit zu erinnern, in der die Nahrungswelt noch irgendwie in Ordnung war.

War aber überhaupt je natürlich, was da in den Obst- und Gemüsekisten auf den Kunden wartet? Diese Frage muss gestellt werden, Authentizität hat sich nämlich im Lebensmittelbereich – und nicht nur dort – zum Verkaufsargument schlechthin gemausert. Alte Mühlen auf eingeschweißter Wurst, das Stichwort „regional“ allerorten, die Werbung mit dem „traditionellen Rezept“, nun verwachsenes Gemüse: Jede mögliche Phantasie ist recht, an eine gute, alte Zeit der Unverfälschtheit zu erinnern, in der die Nahrungswelt noch irgendwie in Ordnung war. Das lässt schneller zugreifen.

Es ist eigentlich ein durchsichtiges Spiel, dieses ständige Versprechen eines Essens wie früher, wie bei Oma. Die heile Nahrungswelt hat es nie gegeben. Denn wir vergessen nur zu gern, dass es sich bei diesen Großmüttern um eine Generation handelt, die das Aufkommen von Dosenobst, Maggi-Würfel und und Pfanni-Knödel so begeistert in ihre Küche aufnahm. Wollen wir einfach nur zurück in die naiven Anfangsjahre der industriellen Lebensmittelrevolution?

Natur, das waren Obst und Gemüse nie. Und Bauern und Gärtner selten deren Bewahrer, viel öfter Gegenspieler. Schon lange bevor es Gentechnik gab. Sie züchteten aus einer kleinen unscheinbaren Knolle eine nahrhafte Stärkebombe, die Kartoffel, und aus hohem Wildgras kurzen Weizen mit schweren Ähren. Solche Kulturpflanzen werden heute von Agrarhistorikern gern als clevere Kulturfolger beschrieben, die sich intelligent an die Bedürfnisse von Homo Sapiens angepasst haben, um ihr Überleben zu sichern.

Aber man kann es auch so sehen, dass der Mensch sie in einen mephistofelischen Pakt gezwungen hat: Verändert Eure Natur nach meinen Bedarf, und Unsterblichkeit ist Euch sicher. Und es sind die moralischeren von uns Mephistos, die klagen, wenn die ein oder andere Sorte dieser Kreaturen sich dann doch nicht so anpassungsfähig beweist.

Natur, Ursprünglichkeit, Authentizität: Das sind, wenn man Lebensmittel betrachtet, die absolut falschen Kategorien. Sie verstellen den Blick. Auch die dick mit Erde verkrustete Linda-Kartoffel im Bioladen ist nicht natürlicher als eine geputzte Allerweltssieglinde im konventionellen Supermarkt. Beide sind vor allem nur ein Produkt menschlicher Kultur. Also auch ein Objekt von Moden und Trends. Da es um Kultur geht, darf und muss man über ihre Gestalt streiten und den Geschmack. Aber auch, wenn wir überleben wollen, wie diese Kultur dem Menschen am meisten nützt und – Achtung – der Natur am wenigsten schadet. Es geht um Ästhetik, und die Endung Ethik sollte darin groß geschrieben sein.

All der warenförmige Anschein von alter Ursprünglichkeit, der ganze Rückgriff auf die Natur verhindert so eine Diskussion. Denn was, wenn Neues zum Einsatz kommt, mit dem Altes erst gerettet werden kann? Ein Beispiel: In Holland entstehen gerade hochmoderne Gewächshäuser, beheizt werden sie mit Erdwärme und der Restenergie aus Kraft-Wärme-Kopplung. Gegossen werden die Pflanzen darin kontrolliert mit auf den Dächern gesammelten Regenwasser. Der Wasserverbrauch beträgt ein Bruchteil dessen im Freilandbaus. Nutzinsekte ersetzen Pestizide. Es sind hocheffiziente High-Tech-Anlagen, auf Nachhaltigkeit und möglichst wenig Ressourcenverbrauch ausgelegt. Nur hier, abseits der Natur, können manche der schädlingsanfälligen alten Sorten wiederbelebt werden. Oder Bio-Tomaten so billig wachsen – und auch reifen, dass man sie im Discounter verkaufen kann.

Gemüse aus Agroparks, schmackhaft, biologisch, aber mit CO2 aus Heizkraftwerken gefüttert; Organisches Obst aus urbanen Gärten, lokal angebaut: Das sind derzeit die vielversprechendsten Perspektiven, um wachsende Städte in Zukunft ressourcenschonend zu ernähren. Dafür werden die Grenzen zwischen Stadt und Land fallen müssen. Dabei hilft nicht, wenn Natur zu einem immer größeren Sehnsuchtsort ausgebaut wird.

Von modernen Glashäusern erfahren wir wenig. Warum wollen wir es nicht? Und wie weit darf die Gestalt von Lebensmitteln sich verändern, wenn sich ihr Anbau verändert? In Japan gelten quadratische Kürbisse als Delikatesse. Sie wachsen eng aneinandergereiht in eckigen Gläsern: Das spart Platz. Sind wir für eine solche Ästhetik bereit?

Erstmal kommt das wunderlich aussehende Gemüse in die Regale. Es ist nur eine Laune der Natur, die es missraten hat lassen, aber weder biologischer, regionaler oder fairer angebaut. Solange man bei Edeka und Co. nicht erfährt, welche Gemüse es sind, das dort geliebt wird, dann doch lieber wieder ab unter die Erde mit den Homunkuli.

Foto: mandymooo | CC
Dieser Text ist in einer kürzeren Fassung in der taz vom 22. Oktober 2013 erschienen.