Neulich waren wir zu einer Taufe eingeladen, und da kam natürlich die Frage auf: Was schenkt man so einem Neugeborenen eigentlich? Einen Strampler, eine Rassel oder einen Teddybär? Alles Quatsch, sagte ich, wir schenken einen Löffel. Was meine Lieblingsesserin wieder zu einem ihrer meistgebrauchten Kommentare reizte: Du denkst doch immer nur an das eine. Womit sie ins Schwarze getroffen hatte. Aber was wie die seltsame Idee eines Kochs wirkt, ist ein guter alter Brauch. Erinnert sich überhaupt noch jemand daran? Ich habe selbst auch so einen Tauflöffel, fiel mir anhand der folgenden kleinen Diskussion ein, die sich mittlerweile zuspitzt hatte auf die Frage: Löffel oder Mobile? Und mir fiel ein, dass auf dem Griff ein Uhrblatt und ein komischer kleiner Junge eingeprägt waren.

Was hat den Löffel zu so einem wichtigen Geschenk gemacht? Man muss ziemlich weit zurückgehen, um das zu erklären, zurück bis ins Mittelalter. Es war eine Zeit, in der das einfache Volk, Leibeigene, Söldner und Tagelöhner, wenig mehr besaßen als eben ihre Löffel; meist wurden sie ja selbst als Eigentum irgendeines Herzogs oder Bischofs begriffen. Das ist übrigens auch die Erklärung für den bis heute verwendeten Spruch, dass jemand, wenn er gestorben ist, den Löffel abgegeben hat. Tatsächlich wurde er oft feierlich dem ältesten Sohn überreicht, hat mir einmal ein Mittelalterforscher erzählt. Man kann also durchaus sagen, es gab Zeiten, da war ein kleines Besteckteil der einzige Ausweis von Individualität, da hat ein Löffel den Menschen gemacht. Und das galt keineswegs nur für Habenichtse.

Es gab auch Menschen, die wurden mit dem goldenen Löffel im Mund geboren. Er ist nicht mehr als die Kopie und gleichzeitig die Verlängerung der hohlen Hand: Angesichts heutiger mitdenkender Apparaturen kommt einem der Löffel ziemlich trivial vor. Und doch muss er ein Urwerkzeug sein, und er ist ganz sicher der König des Tischgedecks. Der Gabelspieß und die trennende Messerklinge sind in der Form schon angelegt. Und bei näherer Betrachtung und nun auch mal etwas kulinarischer gesprochen: Würde es sich nicht lohnen, auf das Besteck etwas mehr Aufmerksamkeit zu verwenden? Wie es unseren Geschmack beeinflusst und unsere Art zu essen. Was auf den Teller kommt, ist auf der ganzen Welt mindestens so besteck- wie mundgerecht. Ein dickes Steak und Stäbchen passen einfach nicht zusammen.

Ich habe große Sympathie für das asiatische Esswerkzeug, aber dem Konzept Messer, Gabel, Löffel kann ich ebenso viel abgewinnen. Es ist die Verlängerung des Kochens an den Esstisch. Jeder kann sich die ihm passenden Stücke zurechtschneiden und auf der Gabel unterschiedlich kombinieren. Ich sehe das als letzten Akt der Zubereitung. Und zugleich als Würdigung für das, was auf dem Teller liegt. Ich kann mich einfach nicht an Menschen gewöhnen, die im Restaurant Striche auf dem Porzellan ziehen, um die Beilagen dann einzeln und nacheinander zu essen. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr verstehe ich, warum ich mir manchmal mit einem Wrap, einem Burrito oder auch einer Leberkäsesemmel in der Hand in der Imbissbude vorkomme wie in der Sicherheitsschleuse eines Flughafens. Aus Mangel an Besteck kann man sich recht paternalisiert fühlen.

Ach, es wäre doch ein interessanter Versuch, mal Messer und Gabel in eine Burger-Filiale mitzubringen. Und noch aufschlussreicher vielleicht, einen Teller Nudeln mit den Fingern zu essen. Was verändert sich an dem Gericht, wenn man die Tomatensoße auch noch von den Fingern lecken muss? Wir brachten zur Taufe dann übrigens kein Besteck, sondern doch ein Mobile mit. Von meinen Löffelphilosophien werde ich dem Kind irgendwann erzählen.

Foto: Nicki Mannix | CC