Ich soll in Zukunft vorsichtig sein mit dem Begriff „Füttern“. Er ist belastet, wie ich eben dem Leserbrief von Herrn S., Ausbilder für Altenpflege, entnehme. S. schreibt mir zu einem Artikel über den über den Alltag in der Pflege. Da wird erzählt, was für eine intime und sensible Tätigkeit es ist, alten Menschen das „Essen zu reichen“. Was für eine abstrakter, bürokratischer Ausdruck für etwas so Sinnliches, dachte ich, der Redakteur des Artikels, und machte daraus „Füttern“, bevor der Bericht in Druck ging.

Herr S. reagierte sogleich und mehr als erbost. Der Begriff „Füttern“ werde im Zusammenhang mit der Pflege schon seit über zwanzig Jahren nicht mehr benutzt. Er setze Menschen mit Tieren gleich, die man „füttert“, in dem sie „Futter“ zum „Fressen“ bekommen. Das sei herabwürdigend und eigentlich genau das Gleiche wie die Verwendung des N-Wortes. Ich war erstaunt. Tatsächlich? Muss ich also auch überlegen, dachte ich, ob das F-Wort in weiteren menschlichen Zusammenhängen falsch ist, etwa wenn Kleinkindern das Essen angereicht wird.

Interessanterweise kam S. Brief genau an dem Tag, als eine Solidaritätswelle zu Gunsten eines Staffordshire-Mischlings über die Republik rollte. Chico hatte zwei Menschen totgebissen und sollte nun eingeschläfert werden sollte. Hunderttausende verlangten in einer Petition Freispruch für die arme Kreatur. Juristisch gesprochen wegen der fehlenden Schuldfähigkeit des Hundes. Chico sollte in eine spezielles Tierheim gegeben werden, strafrechtlich gesehen also: in dauerhafte Sicherungsverwahrung. Welche Dimensionen die Humanisierung von Tieren immer wieder erreicht, dachte ich. Chico musste dennoch sterben. Es bleibt daher eine theoretische Frage, ob er an Menschen geraten wäre, der für seine Ernährung das F-Wort abgelehnt hätte.

Natürlich verstehe ich das Argument des Pflegeausbilders. Menschliches Essen ist nicht einfach nur animalische Nahrungsaufnahme, sondern kulturelle Tätigkeit. Und einen alten Menschen nur zu „füttern“ hieße, ihm die Fähigkeit zu dieser Kulturleistung abzusprechen.

Trotzdem, lieber Herr S., möchte ich gefüttert werden und nicht das Essen gereicht bekommen, wenn ich alt bin und keine Gabel mehr halten kann. Ich möchte einen Menschen vor mir sitzen haben, der danach sieht, dass ich mir die Zunge nicht verbrenne, der mir das Essen so in den Mund gibt, dass ich es schlucken kann, es nicht hinausläuft, der mich – vielleicht das Wichtigste – mit guter Absicht anlügt und das Zeug auf dem Löffel als lecker ausgibt. Das ist das Mindeste, denn vor dem Heimfraß selbst graust mir schon.

Vielleicht, so mein Traum, kann derjenige, der mich füttert, ein Essen daraus machen – indem er auf ein Augenzwinkern von mir den faden Apfelbrei weglässt oder sogar ein Löffel Nudelsuppe mitisst. Dann hätte er mir nicht nur irgendwas gereicht, wir hätten gemeinsam gegessen.

Mein Punkt ist: Kultiviert ist die menschliche Nahrungsaufnahme vor allem, weil sie soziale, emphatische Tätigkeit ist. Wir essen gemeinsam, wir teilen und füttern, weil wir uns für die Nahrung nicht mehr gegenseitig an die Gurgel gehen wollen. Essen reichen – das können vielleicht schon heute Roboter. Aber Füttern, mit Hingabe? Das wird noch dauern.

Ich beispielsweise füttere ständig. Wenn ich koche, suche ich mir gerne ein Opfer, dem ich ein Löffel zum Kosten in den Mund stecke. Das geht nicht mit jedem. Denn die Art der Essensreichung macht das Gegenüber wehrlos. Wie sehr, spüre ich selbst, wenn mir ein Löffel vor die Nase gehalten wird. Mich füttern, da lasse ich nur wenige ran.

Foto: Sassy Bella Melange | CC