Das ist keine Science Fiction

Die haben’s gut, denke ich als ich die Stufen zum Kunstgewerbemuseum auf dem Kulturforum hochsteige. Für die Berliner Straßenbäume ist der trockene Sommer ein Stresstest, schon beginnt das wenige Laub zu welken – und hier hängen die Obstbäume am Tropf. Neben jedem Apfelbäumchen steht ein Ständer, aus Infusionsbeuteln läuft grüne Flüssigkeit über einen Schlauch ins Erdreich. Es ist ein sehr ambivalentes Bild, das einen vor der Ausstellung „Food Revolution 5.0“ empfängt, sie läuft noch bis Ende September, und das, was einem in seiner Einfachheit sogar am meisten zu denken gibt. Muss die Natur auf die Krankenstation, damit wir uns in Zukunft noch ernähren können?

Urbane StreuObstWiese (don’t sit under the apple tree with anyone else but me), 2018 © Matton Office, Ton Matton/Björn Ortfeld (design)

Die Zukunft der Ernährung, sozusagen Food Fiction, das ist das eigentliche Thema der Schau. Denn so wie bisher kann es nicht weitergehen. Was und wie wir essen, geht zu sehr auf Kosten des Planeten, der hohe Fleischkonsum, der sich massive Düngemittel- und Pestizideinsatz in der Agrarindustrie. Und die Probleme potenzieren sich, je rasanter die Menschheit wächst und sich das westliche Ernährungsmodell um den Globus ausbreitet.

Auf drei Etagen sind über 30 Werke von Künstlern und Designern ausgestellt, mit sehr unterschiedlichen Antworten, einige lakonisch-spielerisch, andere bitterernst, alle aber – und das fällt dann doch auf: sehr politisch. Utopische und dystopische Entwürfe wechseln sich ab.

Carolin Schulze, Hase aus einer Mehlwurmpaste, 2014, © Carolin Schulze
Carolin Schulze, Hase aus einer Mehlwurmpaste, 2014, © Carolin Schulze

Vor dem Algenanzug beispielsweise kann einem richtig gruseln: Ein Gewirr von Schläuchen, die man sich wie einen Hoodie über den Oberkörper stülpt. Die Algen darin verrichten allein aufgrund der Sonneneinstrahlung ihre Arbeit, das Phytoplankton wird über einen Katheter direkt in den Magen geführt. Jeder mit dem eigenen Gewächshaus am Leib, nach diesem Farm-to-Belly-Prinzip wäre die menschliche Ernährung wahrscheinlich für alle Zeiten gesichert, aber das Kulinarisch-Lukullische, was wird daraus? Was aus dem Koch? Und was aus Wasser und Land, wenn sie kein Essen mehr liefern müssten, nicht mal mehr Genmais oder Zuchtlachs?

Und ganz so irre Science Fiction ist das gar nicht. Algen werden längst in Bioreaktoren eingesetzt, um Solarenergie zu bündeln, nur die Schnittstelle zum Verdauungstrakt fehlt noch. Künstliches Fleisch aus dem 3D-Drucker: An der Vision arbeiten längst Startups in Kalifornien und Israel. Und ist die Idee so verwegen, Hühnern im Massenstall Virtual-Reality-Brillen aufzusetzen und ihnen eine artgerechte Umgebung vorzuspiegeln? Wir finden es ja auch nicht unnatürlich, dass der Mensch sein Leben immer stärker in die Virtualität verschiebt.

Mottenspeisenkarte ©  Center For Genomic Gastronomy 2016

Am längsten aber stand ich vor einer Arbeit, die tatsächlich reine Phantasterei ist. Sie untersucht den menschlichen Körper als Nahrungsquelle für andere Arten. Wie können wir zurückgeben, was wir nehmen, nicht nur in dem wir Blut für Mücken liefern oder Hautpartikel für Doktorfische? Die Macher des Center for Genomic Gastronomy in den USA haben ein experimentelles Restaurant entworfen, in dem Menschen ihr Leben lang bis zum natürlichen Tod auf verschiedenen Ebenen Tieren zum Melken und Anknabbern angeboten werden. Das ganze in so schöner Umgebung und wie ein Wellnesstempel konzipiert, Pools und Lounges inklusive: Gäbe es dieses Lokal, ich würde mich sofort als Probant melden.

Es ist eine Ausstellung, die zeigt, Essen ist längst keine Privatsache mehr. Und das Problem ist so groß, es gibt keine einfachen Lösungen. Immer wieder stößt man auf leere Tische und Flächen, wie als Botschaft der Ausstellungsmacher: Wir hätten gern noch mehr, noch wildere Ideen gehabt. Ich bin sicher, Fortsetzung folgt.

Postkarte
© Cyan

Und übrigens: Für vier Tage zeigt der Sommer Food Markt am Kulturforum, wie die Zukunft schmecken kann: Mit Gastronomie, Marktstände, Workshops und Gesprächen. Von 21. bis Montag, den 24. Juni 2018

 

Foto auf der Startseite:  Austin Stewart, Second Livestock, 2014, © Austin Stewart

Der Löffel macht den Menschen

Neulich waren wir zu einer Taufe eingeladen, und da kam natürlich die Frage auf: Was schenkt man so einem Neugeborenen eigentlich? Einen Strampler, eine Rassel oder einen Teddybär? Alles Quatsch, sagte ich, wir schenken einen Löffel. Was meine Lieblingsesserin wieder zu einem ihrer meistgebrauchten Kommentare reizte: Du denkst doch immer nur an das eine. Womit sie ins Schwarze getroffen hatte. Aber was wie die seltsame Idee eines Kochs wirkt, ist ein guter alter Brauch. Erinnert sich überhaupt noch jemand daran? Ich habe selbst auch so einen Tauflöffel, fiel mir anhand der folgenden kleinen Diskussion ein, die sich mittlerweile zuspitzt hatte auf die Frage: Löffel oder Mobile? Und mir fiel ein, dass auf dem Griff ein Uhrblatt und ein komischer kleiner Junge eingeprägt waren.

Was hat den Löffel zu so einem wichtigen Geschenk gemacht? Man muss ziemlich weit zurückgehen, um das zu erklären, zurück bis ins Mittelalter. Es war eine Zeit, in der das einfache Volk, Leibeigene, Söldner und Tagelöhner, wenig mehr besaßen als eben ihre Löffel; meist wurden sie ja selbst als Eigentum irgendeines Herzogs oder Bischofs begriffen. Das ist übrigens auch die Erklärung für den bis heute verwendeten Spruch, dass jemand, wenn er gestorben ist, den Löffel abgegeben hat. Tatsächlich wurde er oft feierlich dem ältesten Sohn überreicht, hat mir einmal ein Mittelalterforscher erzählt. Man kann also durchaus sagen, es gab Zeiten, da war ein kleines Besteckteil der einzige Ausweis von Individualität, da hat ein Löffel den Menschen gemacht. Und das galt keineswegs nur für Habenichtse.

Es gab auch Menschen, die wurden mit dem goldenen Löffel im Mund geboren. Er ist nicht mehr als die Kopie und gleichzeitig die Verlängerung der hohlen Hand: Angesichts heutiger mitdenkender Apparaturen kommt einem der Löffel ziemlich trivial vor. Und doch muss er ein Urwerkzeug sein, und er ist ganz sicher der König des Tischgedecks. Der Gabelspieß und die trennende Messerklinge sind in der Form schon angelegt. Und bei näherer Betrachtung und nun auch mal etwas kulinarischer gesprochen: Würde es sich nicht lohnen, auf das Besteck etwas mehr Aufmerksamkeit zu verwenden? Wie es unseren Geschmack beeinflusst und unsere Art zu essen. Was auf den Teller kommt, ist auf der ganzen Welt mindestens so besteck- wie mundgerecht. Ein dickes Steak und Stäbchen passen einfach nicht zusammen.

Ich habe große Sympathie für das asiatische Esswerkzeug, aber dem Konzept Messer, Gabel, Löffel kann ich ebenso viel abgewinnen. Es ist die Verlängerung des Kochens an den Esstisch. Jeder kann sich die ihm passenden Stücke zurechtschneiden und auf der Gabel unterschiedlich kombinieren. Ich sehe das als letzten Akt der Zubereitung. Und zugleich als Würdigung für das, was auf dem Teller liegt. Ich kann mich einfach nicht an Menschen gewöhnen, die im Restaurant Striche auf dem Porzellan ziehen, um die Beilagen dann einzeln und nacheinander zu essen. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr verstehe ich, warum ich mir manchmal mit einem Wrap, einem Burrito oder auch einer Leberkäsesemmel in der Hand in der Imbissbude vorkomme wie in der Sicherheitsschleuse eines Flughafens. Aus Mangel an Besteck kann man sich recht paternalisiert fühlen.

Ach, es wäre doch ein interessanter Versuch, mal Messer und Gabel in eine Burger-Filiale mitzubringen. Und noch aufschlussreicher vielleicht, einen Teller Nudeln mit den Fingern zu essen. Was verändert sich an dem Gericht, wenn man die Tomatensoße auch noch von den Fingern lecken muss? Wir brachten zur Taufe dann übrigens kein Besteck, sondern doch ein Mobile mit. Von meinen Löffelphilosophien werde ich dem Kind irgendwann erzählen.

Foto: Nicki Mannix | CC