Der Vater aller Suppen

Auf dem Herd steht schon der große Topf. Denn kaum liegt das erste Laub auf den Gehwegen, bekomme ich Appetit auf Suppe. Es gibt sogar einen bestimmten Moment, in dem sich mir das Bild einer Schüssel mit goldener Flüssigkeit vor die Augen schiebt. Gemüse und Nudeln schwimmen darin, ein Häufchen Parmesan thront darauf, und Schwaden von Aroma hängen darüber. Ich kann es fast riechen. Das ist, wenn ich das erste Mal mit einer Schnupfennase nach Hause komme. Am Wochenende soll es nass werden? Wie schön. Zeit, mich mit Brühe zu bevorraten.

minestrone
Minestrone: Die sommerliche Variante

Nicht schon wieder Suppe, werden sich nun vielleicht einige treue Leser denken. Doch es muss sein. Denn ich kenne nur wenige Menschen, die ein ausgeglichenes Verhältnis zu diesem Gericht haben, das irgendwo in der Mitte zwischen Essen und Trinken angesiedelt ist – und wahrscheinlich eine der ältesten Speisen der Menschheit ist. Doch viele nehmen es heutzutage möglichst billig aus der Tüte zu sich oder gehen in Spezialitätenrestaurants namens „Suppenküche“. Aus den Speisekarten gehobener Restaurants ist die Suppe deshalb weitgehend verschwunden. Gleichzeitig fallen mir immer wieder Kochbücher in die Hände, vor allem von namhaften Köchen, die vom Fond bis zur Einlage seitenweise über die Zubereitung philosophieren.

Ich lernte schon früh, dass ein Lokal dann vielversprechend ist, wenn die Suppe schmeckt. Für Kochbücher gilt die Regel übrigens genauso.

Um den Sommer zu verabschieden, koche ich Minestrone. Denn noch liegt in den Läden die ganze Ausbeute der Erntezeit, reife Tomaten sowie die ersten Kürbisse. Minestrone ist so etwas wie Erntedank in der Schüssel. Natürlich, ich könnte auch von Gemüsesuppe schreiben, aber der Begriff klingt zu stark nach gesundem Fastengericht. Das ist die Minestrone eventuell auch, sie ist jedoch auch Fülle, Aroma, Übermaß. Allein schon das Wort: Minestrone ist die Vergrößerungsform von minestra, italienisch für Suppe. Das spricht man fast von selbst vollmundig aus.

Man sollte sich am Herd davon inspirieren lassen. Ich lasse es laut durch die Küche rollen: Minestrrroooone. Das ist schon die halbe Miete. Ein ultimatives Rezept gibt es nicht, wie so oft in der italienischen Küche, sondern Hunderte. Sommerliche Varianten mit Tomate, Zucchini und Pesto und herbstliche mit Pilzen, Kohl und Steckrüben. Ich koche Minestrone nach der gefühlten Wetterlage.

Einige Grundprinzipien sollte man aber nicht vergessen. Minestrone ist ein Dreierlei aus Brühe, Einlage und „Auflage“. Und wenn jede Komponente für sich schmeckt, umso besser. Das ist die Hauptsache, egal ob bei Gemüse-, Hühner- oder Rinderbrühe. Nehmen Sie vor allem ihre Lieblingssuppe. Bei den Einlagen empfiehlt sich, Wurzelgemüse im Topf anzuschwitzen und auch zu salzen, dann entwickelt sich mehr Geschmack. Und zartes Gemüse wie Erbsen, Tomaten, Radicchio oder auch anderen Salat so spät hinzuzufügen, dass sich noch Biss und Frische halten.

Das zahlt sich aus, genauso wie eine gute Mischung aus stärkehaltigen, proteinreichen Zutaten und Gemüse. Das ist das zweite Grundprinzip. Kein Minestronerezept begegnet einem ohne Kartoffeln, Nudeln, Reis und Bohnen, diesen eiweißreichen Hülsenfrüchten. Erst diese Kombination macht aus der Minestra die Macho-Variante, füllig und nahrhaft. Darüber träufelt man gutes Olivenöl, feine Kräuter, vielleicht einen Spritzer Zitrone, geriebenen Käse oder Croutons. Oder einfach alles zusammen.

Warum man so eine Minestrone auslöffeln muss, das könnte ich noch lange erklären. Aber ich muss an den Herd, die Suppe abschäumen.

Foto: hand-nor-glove | CC

Gibt es flüssigen Salat?

Es gibt Tage, da muss der Herd einfach kalt bleiben. Ich liebe zwar die Hitze über einem dampfenden Kochtopf, die Strahlung, die mein Backofen abgibt, und ich schätze es auch, Butter aus dem Kühlschrank zu nehmen, wenn die ganze Küche auf Betriebstemperatur ist. Sie ist dann in Sekunden streichfähig. Diese Hitze mag ich.
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Der Sellerie – ein Charakterkopf

Keine Weihnachten ohne Waldorfsalat. So sind mir die achtziger Jahre in Erinnerung. Zwischen den Platten mit dünn aufgeschnittenem, kirschrosa leuchtendem Roastbeef und fettglänzendem Graved Lachs standen große Schüsseln Waldorfsalat in den Feinkostabteilungen. Ein weißes, Mayonnaise-schwangeres Gemisch mit orangefarbenen, hell- und dunkelbraunen Tupfern. Sie stammten von Mandarinen aus der Dose, Hähnchenstückchen und Walnüssen. Meine Oma liebte diesen „Hühner-Cocktail“, also musste es immer ein großes Töpfchen sein.
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Revision zugelassen

Eines der angenehmsten und lustbringendsten Dinge in der Küche ist, Urteile zu revidieren. Ein paar Kostproben? Hier eine kleine Auswahl an kulinarischen Verfassungsprinzipien, die in den letzten Jahren der Überprüfung nicht standgehalten haben und hoffentlich bald dem Vergessen preis gegeben sind:

1. „Nur dunkler Wein zu dunklem Fleisch“

2. „Fleisch kräftig anbraten. Das schließt die Poren.“

3. „Risotto muss ständig gerührt werden.“

Vorausgeschickt sei: Dass Gesetze gebrochen, neu aufgelegt, nachgebessert oder sogar verschärft werden, liegt in der Natur der Sache. Kaum ein Gebiet unterliegt – einmal abgesehen von der deutschen Sozialgesetzgebung – einer so wütenden Regelungswut wie das Reich der Speisen. Und wer sich im Minenfeld der Do’s and Don’ts noch einigermaßen gelassen bewegen will, muss anarchisch veranlagt sein. Die oben genannte Regel Nr. 1 beispielsweise war bis vor kurzem noch ehernes Gesetz, vor allen Dingen, um die als unkultiviert geltenden Amerikaner oder Engländer auszugrenzen. Aber ein gehaltvoller Roter verträgt sich genauso mit Hummer wie ein leichter Merlot mit gebratenen Sardinen. Auch die Umkehrregel gilt nicht. Heller Wein passt nicht nur zu hellem Fleisch. Mit einem alten Rioja wird zart gebratenes Rinderfilet zu einer derben Angelegenheit, mit einem herben Weißwein zu einem leichten Frühlingsgericht.

Wobei wir beim Irrtum Nr. 2 sind, also dem Anbratgebot. Die Wirkung auf die Poren lässt sich bestenfalls als hypothetische Kausalität bezeichnen. Denn ein Blick aufs Fleisch – egal ob mit dem bloßen Auge oder einem hochauflösenden Mikroskop – zeigt: Fleisch hat keine Poren. Entsprechend können die auch nicht durch geheimnisvolle Hitzeprozesse verschlossen werden. Fleisch lässt sich nicht versiegeln. Was nun nicht heißen soll, dass Anbraten an sich verwerflich ist. Ganz und gar nicht. Nur die Wirkung ist eine andere. Auf dem Pfannenboden bilden sich beim Anbraten Röststoffe, der Bratensatz. Das Problem aber bleibt: Wie verhindern, dass das Fleisch zu viel Wasser verliert und zäh wird? Immer stärker setzt sich nun gegen die Anbrat- die Laubratschule durch, die nichts anderes macht, als die Pfanne gar nicht erst richtig heiß werden zu lassen. Und siehe da: Ein Minutensteak gerät auf halber Flamme, ein paar Minuten länger gebraten genauso gut, zuweilen auch besser.

Jetzt aber zum Risotto und damit in eine Welt, in der sich Otto Normalkoch vor lauter Ukassen, Fatwas und Dekreten kaum noch zu bewegen weiß – auf dem Weg hin zur perfekten Mischung aus Brühe, Reis und Käse. Als ob Risotto kochen die ganz hohe Kunst sei. Nur echte Bouillon, schreiben Biolek und Witzigmann vor. Jamie Oliver legt fest: Den Reis mindestens zehn Minuten anschwitzen. Die Brühe neben dem Risottotopf simmernd warmhalten, befiehlt nicht nur Carlo Emilio Gadda. Und alle rufen: rühren, rühren, immerzu rühren. Doch ein Risotto gelingt auch ohne langes Anschwitzen oder verzweifeltes Quirlen. Eine beschichtete Pfanne reicht dafür. Die verhindert viel effektiver, dass der Reisbrei anliegt oder anbrennt. Und wenn am Schluss zu viel Parmesan in den Topf kommt, dann schmeckt auch der Rest der guten Bouillon nur wie ein aufgelöster Brühwürfel.

Aber wie und wo ein gutes Risotto essen, um zu wissen, worauf es ankommt? Im Restaurant? Da erweist sich eines meiner Urteile als ziemlich revisionsfest. Risotto im Restaurant zu essen ist meist das Gleiche, wie Kugelfisch beim Sushi um die Ecke zu bestellen: Russisches Roulette. Kulinarischer Selbstmord. Gröbst fahrlässig. In acht von zehn Fällen liegt auf dem Teller ein pampiger Klops, der muffig bis staubig riecht und keinen Biss mehr hat. Das kommt davon, wenn das Risotto Stunden zuvor zubereitet und dann weggestellt wurde. Risotto schmeckt vor allem, wenn es frisch zubereitet auf den Tisch kommt. Und zuletzt ein guter Stich Butter untergerührt worden ist. Basta!

(erschienen am 14. 11. 2006 in der taz)